Robert Anton Wilsons „Prometheus Rising“, oder: Der Fluch des sekundären Werks.

Es gibt Schriftsteller, die von einem bestimmten Fluch getroffen werden, der zunächst wie ein Segen erscheint: Man kennt sie für ein Buch. Und jetzt lesen wir diesen Satz noch einmal mit der richtigen Betonung: Man kennt sie für ein Buch. Es scheint völlig egal, wie riesig ihr restlicher Textkorpus ist, ob sie es in anderen Medien und Feldern weit gebracht haben. Nur dieses eine Werk ist für immer mit ihrem Namen verknüpft, das sekundäre Werk, sozusagen, bleibt ungesehen. Aldous Huxley kennt man für „Brave New World“, selten kennt noch jemand „The Doors of Perception“ (nach dem sich übrigens die Band „The Doors“ benannte). Dass er Unmengen anderer Bücher geschrieben hat, unter anderem über die Philosophia Perennis, und eine der meiner Meinung nach schönsten Liebesgeschichten („Das Genie und die Göttin“), wen interessiert das schon? Ernst Jünger ist auch ein harter Fall. Für „In Stahlgewittern“ ewig als Ewig Gestriger verurteilt, finden seine anderen Bücher, in denen er eine sehr eigene, anarchische (nicht „anarchistische“) Philosophie entwickelte, kaum Beachtung. Auch unbekannt ist, dass er auf dem Gebiet der Entomologie, der Insektenkunde, sehr umtriebig war.

Noch viel schlimmer finde ich es eigentlich, wenn man Autorennamen nennt, doch die Leute kennen den Autoren nicht einmal mehr. Aber sie sagen sofort „Ah, selbstverständlich!“, sobald man runterrattert, welche Verfilmungen auf ihren Büchern basieren. Kaum jemand kennt noch Robert A. Heinlein, aber jeder kann etwas mit „Starship Troopers“ anfangen. Am schlimmsten ist es wohl mit Philip K. Dick (Matrix, Blade Runner, A Scanner Darkly, zum Beispiel).

Robert Anton Wilson ist für genau ein Buch berühmt. Nun ist das Spannende, dass sogar das Buch kaum jemand noch kennt, aber jeder die Theorie, die es in die Welt setzte. Hat euch schon einmal jemand davon überzeugen wollen, dass die Illuminaten das gesamte Weltgeschehen kontrollieren? Hat er zu allem Überfluss die Zahl 23 damit in Verbindung gebracht? Obwohl der Illuminatenorden tatsächlich existierte, ist diese Verschwörungstheorie vor allem durch Robert Anton Wilsons „Illuminatus!“-Trilogie popularisiert worden. Ich kann nicht einmal behaupten, das Buch sonderlich zu mögen. Trotzdem ist Robert Anton Wilson für mich ein entscheidender historisch-kultureller Nexus. Nachdem ich mir neulich noch einmal „Prometheus“ vor „Alien Covenant“ ansah, war ich sehr beeindruckt von Mr. Weylands fiktivem Versuch, die Menschheit durch interstellare Raumfahrt mit ihrem Schöpfer in Kontakt zu bringen. Bei Gelegenheit erkläre ich gerne, warum, aber interstellare Siedlung halte ich für das letzte lohnenswerte Unterfangen der Menschheit auf diesem Planeten, ich teile also Mr. Weylands Wunsch. Dabei fiel mir ein, dass ich Robert Anton Wilsons „Prometheus Rising“ noch rumflattern hatte, und wunderte mich, inwiefern dieser sich auf den Gott berief, welcher der Menschheit das Feuer brachte.

Eigentlich hatte ich das Buch in meinen Besitz gebracht, weil das Vorwort von Israel Regardie ist. Regardie war zwar selbst ein bedeutender Okkultist und hat die wohl kompetenteste Einführung in die Kabbala geschrieben („The Tree of Life“). Bekannt ist er aber vor allem, weil er für einige Zeit der Sekretär Aleister Crowleys war, dem berühmtesten Okkultisten des letzten Jahrhunderts (für das Aha-Moment: das ist dieser „Mr. Crowley“, von dem Ozzy Osbourne singt, der auch eine der Personen auf dem Cover von „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ der Beatles ist und dessen Haus Jimmy Page von Led Zeppelin kaufte).

Daher dachte ich mir, ich gebe seinen philosophischen Schriften mal eine Chance. „Prometheus Rising“ fing eigentlich als geplante Dissertation an. Beworben als eine Gebrauchsanweisung für das menschliche Gehirn und eine hypothetische kollektive Intelligenz hatte ich mir viel davon versprochen – und wurde enttäuscht. Nicht einmal, weil es ein schlechtes Buch ist, das will ich nicht behaupten. Vermutlich hat es eher damit zu tun, dass ich mich mit den Themen, Theorien und Autoren, die darin vorkommen, schon ausgiebig beschäftigt hatte und entsprechend nichts Neues darin entdecken konnte. Das ist nicht Wilsons Schuld, sondern liegt wohl daran, dass wir ähnliche Interessen hatten und das Buch älter als ich ist und auf diesen Gebieten inzwischen schlicht umfangreichere und wissenschaftlichere Forschung und Literatur vorliegt als zu Wilsons Zeiten. Und im selben Atemzug muss ich dann auch noch erwähnen, dass es nahezu unheimlich ist, wie korrekt Wilson bestimmte Menschheitsentwicklungen 1983 vorhergesagt hat. Damals hat es sich also mit Sicherheit um ein sehr wertvolles Buch gehandelt.

Der Aufbau ist zugleich Schönheit und Makel des Werkes. Eng an den Bewusstseinstheorien Timothy Learys orientiert wird man von den niedrigsten „Schaltkreisen“ zu den höchsten geführt, jedes Mal mit viel Witz und reichlich Anekdoten anschaulich erklärt. Aber ich habe ein Problem mit Timothy Leary. Der „Papst des LSDs“, der Albert Hofmanns Unfallerfindung unter anderem zu Zwecken der Psychotherapie popularisierte, gehörte noch zu einer Generation von Psychologen, die dieses Mal aber auch ganz bestimmt das richtige Modell der Funktionsweise der menschlichen Psyche meinte gefunden zu haben. Während ich diese Vorgehensweise teilweise für weit sinnvoller und aufschlussreicher erachte als das menschliche Gehirn zu einer Blackbox zu erklären, um anschließend aus Elektroenzephalogrammen und bildgebenden Verfahren und/oder absurd geringen Fallzahlen die Statistik zu foltern, bis man signifikante Ergebnisse hat, wie dies leider häufig in der heutigen Psychologie der Fall ist, mag ich Learys Modell schlicht nicht. Mit der Ätiologie der Freud’schen Psychoanalyse gehe ich teilweise nicht konform, und jene in Learys Modell in „Neuro-Logic“ finde ich hanebüchen. Erstens haben manche Geisteskrankheiten nicht von der Hand zu weisende organische Ursachen, zweitens wird man sich wohl noch eine Weile damit abfinden müssen, dass wir trotz beachtlicher Fortschritte, was die bildgebenden Verfahren angeht, noch herzlich wenig über das menschliche Hirn wissen (und oft denke ich mir, dass das vermutlich sogar gut so ist und ich nicht die Zeiten erleben will, in denen sich das geändert hat).

Auch punktet Wilson mit seinen detaillierten Übungsanleitungen am Ende jedes Kapitels, mit denen alle Leser, die seine Aussagen prüfen oder selbst erleben möchten, diese erfahrbar machen können. Wer aber schon einmal meditiert oder Raja Yoga praktiziert hat, mit aller Gewalt über seine eigenen Überzeugungen gewalzt ist, aus Spaßvergnügen Perspektiven und Paradigmen gewechselt hat, um sich vor Augen zu führen, wie biegsam und erschütterbar das, was wir Realität nennen und unsere Erklärungen dafür sind, wird wenig Neues finden. Allen anderen, und das werden wohl deutlich mehr sein, kann ich das Buch und die Übungen darin nur empfehlen.

Mein Fazit ist also erneut: Ein Blick in das „sekundäre Werk“ lohnt sich.

 

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